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Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)
ist eine schwere Persönlichkeitsstörung,
die sich durch sehr wechselhafte Stimmungen,
gestörte zwischenmenschliche Beziehungen,
mangelndes Selbstvertrauen und
autoaggressive Verhaltensweisen äußert.
Diese Instabilitäten ziehen oft
das persönliche Umfeld in Mitleidenschaft
und beeinträchtigen so Alltag,
langfristige Lebensplanung und das Selbstbild.



Während der Merkmalskatalog
der American Psychiatric Association (DSM-IV)
von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung
(Diagnosenr. 301.83) spricht,
benennt der Katalog der WHO (ICD-10)
die "emotional instabile Persönlichkeitsstörung",
von der der Borderline-Typus
eine Unterform darstellt.

Der Name Borderline stammt aus Zeiten,
als man dachte, es würde sich bei BPS
um einen Grenzfall (engl. borderline)
zwischen Psychose und Neurose handeln;
Menschen mit BPS leiden jedoch an ihren starken,
oft in ihrer Stärke nicht zu reduzierenden Reaktionen
auf äußere Einflüsse und Gefühle wie Erinnerungen,
sie können ihren oft starken "Gefühlsimpulsen"
nichts entgegensetzen.

Obwohl nicht so bekannt wie
Schizophrenie oder Bipolare Störung
(auch manisch-depressive Krankheit),
ist Borderline häufiger und betrifft
zwei Prozent der Erwachsenen.
Frauen sind dreimal häufiger betroffen
als Männer. Diese auffällige Geschlechterdifferenz
könnte damit zusammenhängen,
dass missbrauchte Personen (zumeist Frauen)
eher klinisch und misshandelte Personen
(meistens Männer) forensisch auffällig werden
oder Männer mit Borderline-Symptomatik
eher anderen Persönlichkeitsstörungen
(z.B. Antisoziale Persönlichkeitsstörung)
zugeordnet werden.

Symptome



Während bei einer Person mit Depressionen
oder Bipolarer Störung eine Stimmung
für mehrere Wochen anhält,
kann ein Mensch mit Borderline intensive Schübe
aus Angst, Depression oder Wut erleben,
die oft nur wenige Stunden bis zu mehreren Tagen
andauern, jedoch auch länger anhalten können.
Diese können in Verbindung
mit Störungen der Impulskontrolle
wie impulsiver Aggression,
selbstverletzendem Verhalten und
Drogen- oder Alkoholmissbrauch
auftreten
sowie zu
übermäßigem Geldausgeben,
Völlerei und riskanten Sexualpraktiken führen.
Sucht ist eine häufige Begleiterscheinung
bei Betroffenen.
Die meist mit der Sucht einhergehenden
selbstzerstörerischen Verhaltensweisen
verstärken das Krankheitsbild.

An Borderline Erkrankte leiden auch an Wahrnehmungstörungen,
die häufig denen einer Psychose
gleichzusetzen sind.
Allerdings sind Borderliner
im Gegensatz zu Psychotikern in der Regel fähig,
ihre Halluzinationen oder Wahrnehmungstörungen
als solche zu erkennen.

Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstörungen
können zu häufiger Änderung
von Langzeitzielen,
Karriereplänen, Berufen,
Freundschaften,
Geschlechtsidentität oder Werten führen.
Häufig berichten die Patienten,
dass sie "sich selbst nicht fühlen können"
(Depersonalisation),
oft fühlen sie sich sich selbst gegenüber fremd,
es handelt sich dabei um auch sehr stark
auftretende dissoziative Symptome.
Manchmal empfinden sich Menschen mit BPS
als grundsätzlich schlecht oder wertlos.
Häufig fühlen sie sich gelangweilt, leer
und haben keinen Sinn dafür, wer sie sind.
Solche Symptome treten verstärkt auf,
wenn sich Menschen mit Borderline
einsam oder isoliert fühlen und können dann
zu verzweifelten Versuchen führen,
Situationen des Alleinseins zu vermeiden.



Selbstverletzendes Verhalten
bis hin zum Suizid
sind symptomatisch für diese Erkrankung.
Häufig äußern sich Selbsthass
und die Unfähigkeit,
die plötzlich auftretenden Spannungen
abzubauen sowie
ein Gefühl des "sich nicht mehr Spürens"
in autoagressivem Verhalten.
Die Betroffenen schlagen mit dem Kopf
gegen die Wand,
sie zerkratzen sich mit den Fingernägeln
oder schneiden sich mit Messern
oder Rasierklingen
ihre Arme oder das eigene Gesicht auf.
Große Gefahr
der Selbstverletzung/eines Selbstmordes
besteht auch zu dem Zeitpunkt
einer Hochstimmung.



Sozialverhalten und Partnerschaft



Die zwischenmenschlichen Beziehungen
von Menschen
mit einer Borderline-Störung
sind oft höchst instabil, was auch
mit dem gestörten Selbstbild
in Verbindung steht.
Auch intensive emotionale Bindungen
schützen nicht davor,
dass die Einstellung gegenüber
Familienmitgliedern, Freunden oder Liebespartnern
plötzlich von Idealisierung
(starke Bewunderung und Liebe)
in Abwertung (intensive Wut und Hass)
umschlägt.

Werden Borderline Patienten
- real oder vermeintlich -
ungerecht behandelt, reagieren sie oft
sehr heftig und impulsiv und finden
häufig über Tage oder sogar Wochen
keinen Ausweg
aus ihrer Gedankenwelt aus Selbstvorwürfen,
Selbsthass und Rachegedanken.
Viele Äußerungen sowie Gesten,
Mimik und Betonung
anderer Personen werden nicht selten falsch
oder durch Überinterpretationen
als feindlich ausgelegt, jedenfalls
aber sehr intensiv analysiert
und auf "Signalwirkung untersucht".
Ursache ist eine häufig anzutreffende
generelle Erwartungshaltung, dass Kränkungen
vom Gegenüber zu erwarten sind.

Für Borderliner ist es oft schwierig,
das Verhalten anderer richtig zu deuten,
da ihre starke Sensibilität
für ungerechtes Verhalten
häufig zu heftigen Überreaktionen führt
und somit für sie selbst
schwer abzuschätzen ist,
welche Reaktion die Richtige
auf die aktuelle Situation ist.

Bereits kleine Anlässe lösen
stärkste "Gefühlimpulse" aus,
die vom Kranken nicht in Relation
zur Ursache gebracht werden
können und zu heftigen
emotionalen Verwicklungen führen können.
Wenn sie eine enge Bindung eingehen,
tendieren sie dazu, die andere Person
zu idealisieren.
Tritt jedoch ein Konflikt auf,
können sie unerwartet
in das andere Extrem wechseln
und das Gegenüber
aus einer Verteidigungshaltung
heraus entwerten.
Häufig wird die Bindung
zumindest vorübergehend,
oft aber auch dauerhaft beendet.

Die Angst verlassen zu werden scheint
in Beziehung zu stehen mit Schwierigkeiten,
sich gefühlsmäßig mit Schlüsselpersonen
verbunden zu fühlen, wenn diese nicht
anwesend sind
(mangelhafte Objektkonstanz),
was dann zu einem Gefühl
des Verlassenseins
oder der Wertlosigkeit führt.
Suiziddrohungen und -handlungen können
in Verbindung mit Gefühlen
des Verlassenseins
oder der Enttäuschung auftreten.
Es fällt ihnen schwer Nähe zuzulassen,
sie sind dennoch
ständig auf der Suche danach.

Klassifizierung



Die Diagnose zu stellen ist schwierig,
da Borderline-Patienten häufig versuchen,
von der eigentlichen
primären Symptomatik,
der gestörten Selbstwahrnehmung,
abzulenken.
Oft werden begleitende Erkrankungen
wie z.B. eine Bulimia nervosa
vorgeschoben
um ihre Probleme zu erklären.
Einige Psychiater behaupten sogar,
die Diagnose lässt sich nicht
in der Klinik
oder der Praxis stellen,
sondern nur in vivo,
also im Feldversuch,
was in der Realität meist nicht möglich ist.

Das DSM-IV
(Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders)
gibt die folgenden neun Kriterien
der Borderline-Persönlichkeit an,
von denen mindestens fünf erfüllt sein müssen,
um eine entsprechende Diagnose stellen zu können:

1. das verzweifelte Bemühen,
nicht verlassen zu werden
(unabhängig davon, ob es sich dabei um eine
reale Gefahr oder eine Vermutung handelt)
2. ein Muster instabiler und intensiver
zwischenmenschlicher Beziehungen,
in denen extreme Idealisierung und Entwertung
einander abwechseln
3. eine ausgeprägte Instabilität
des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung,
die alle Zeichen der Identitätsdiffusion trägt
4. impulsives Verhalten
in mindestens zwei Bereichen,
die potentiell selbstschädigend sind
(Geldausgaben, Sexualität,
Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren,
"Fressanfälle", etc.)
5. wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen
oder -drohungen
sowie
selbstverletzendes Verhalten
6. affektive Instabilität die auf
ausgeprägte Stimmungsreaktionen
zurück zu führen ist
7. chronische Gefühle von Leere
8. unangemessene,
heftige Wut oder Schwierigkeiten,
die Wut zu kontrollieren
9. vorübergehende, durch Belastungen
ausgelöste paranoide Vorstellungen
oder schwere dissoziative Symptome.

Es fällt auf, dass hier vor allem dem Aspekt
der Stabilität in Bezug auf Selbstwert,
Wahrnehmung aber auch der Impulskontrolle
eine große Bedeutung zugemessen wird.
Unter diesen Voraussetzungen
sind stabile zwischenmenschliche Beziehungen
nur schwer aufrechtzuerhalten;
auch Verlassenheitsängste und
paranoide Ängste treten auf.

Behandlung



Die Behandlungsmöglichkeiten
für das Borderline-Syndrom haben sich
in den letzten Jahren verbessert.
Gruppen- und Einzelpsychotherapie
sind für viele Patienten zumindest
teilweise erfolgreich.
In jedem Falle ist eine spezifische
und systematische Psychotherapie
effektiver als eine "allgemeine Behandlung",
wie sie die meisten Patienten
immer noch erfahren.
In den letzten fünfzehn Jahren
wurden zwei neue vielversprechende,
psychosoziale Behandlungsmethoden entwickelt:
die DBT (engl. dialectical behavior therapy)
und die TFP (übertragungsfokussierte Psychotherapie).
Die DBT wurde von der
amerikanischen Psychotherapeutin
Marsha Linehan entwickelt.
Beide Verfahren messen der Beziehung
zwischen Patienten und Therapeuten
eine besondere Bedeutung bei;
die DBT legte jedoch mehr Wert
auf verhaltenstherapeutische Techniken
und vertritt auch philosophische Elemente
wie Achtsamkeit und Konstruktivismus,
während die TFP psychodynamischer orientiert ist.

Pharmakologische Behandlungen werden häufig
entsprechend den spezifischen Zielsymptomen
des einzelnen Patienten verschrieben.
Antidepressiva und Stimmungsstabilisatoren
können bei depressiven und/oder labilen Stimmungen
sinnvoll sein.
Antipsychotische Medikamente (Neuroleptika)
können
- unter anderem bei Denkstörungen
und Angstreduzierung -
Besserung bringen;
hier ist zu betonen, dass die modernen,
sog. atypischen Neuroleptika
den konventionellen Methoden (z.B. Tranquilizer)
vorzuziehen sind,
da bei ersteren Nebenwirkungen seltener
und vor allem (motorisch und kognitiv)
weniger einschränkend sind
- insbesondere müssen so genannte Spätdyskinesien,
die nicht selten irreversibel sind,
nicht befürchtet werden.
Im Gegensatz zu Tranquilizern
machen Neuroleptika nicht abhängig.

Ursachen



Obwohl der Grund des Borderline-Syndroms
unbekannt ist, glaubt man,
dass sowohl Umwelt- als auch genetische Faktoren
Gründe für die Manifestation einer BPS sind.
Studien zeigen, dass viele,
aber nicht alle BPS-Patienten,
eine Vorgeschichte aus Missbrauch,
Vernachlässigung oder Trennung im jungen Alter
aufweisen.
40 bis 71 Prozent der BPS-Patienten berichten
von einem sexuellen Missbrauch.
Forscher glauben, dass BPS
aus einer Kombination
von individueller Verletzlichkeit
gegenüber umgebenden Stress,
Vernachlässigung oder Missbrauch
als kleines Kind
und einer Reihe
von auslösenden Ereignissen
im jungen Erwachsenenalter verursacht wird.
Erwachsene mit BPS sind auch wesentlich häufiger
Opfer von Gewalt, einschließlich Vergewaltigung
und anderen Verbrechen.
Dies mag sowohl durch schädigende Umgebungen
sowie durch Impulsivität und
eine ungünstige Partner- oder Lebensstilwahl
bedingt sein.



Geschichte



Der Begriff selbst
stammt aus dem Jahre 1884 (Borderland).
1938 wurde der Begriff Borderline
von Adolph Stern verwendet,
um einen Typ von Patienten zu beschreiben,
der mit damaligen psychoanalytischen Methoden
nicht zufriedenstellend behandelt werden konnte.
Stern arbeitete dabei besonders
das Charakteristikum der Borderline-Persönlichkeit heraus,
im Analytiker ein gutes und allmächtiges Objekt
zu sehen,
das sich abrupt in ein feindliches verwandelte,
sobald der Therapeut nicht vollständig
den Erwartungen des Patienten entsprach.
In diesem Zusammenhang wurde auch BPS
als dissoziative Persönlichkeitsstörung erwähnt.
Verbunden damit war eine Störung
der Realitätsüberprüfung
bis hin zur Übertragungspsychose.

O. F. Kernberg griff die weitestgehend
noch undifferenzierte Diagnose von BPS auf
und entwickelte zwischen 1967 und 1975
eine umfassende Theorie der
Borderline-Persönlichkeitsorganisation.
Maßgebliches Kennzeichen eben dieser
war eine gestörte Objektbeziehung mit der Aufspaltung
in die Extreme "ganz gut" und "ganz böse".
Dementsprechend häufig wird von der
"schwarz-weißen Welt der Borderline-Persönlichkeit"
gesprochen.
Der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie zufolge
wird die Entwicklung des Kindes von einer
"schwarz-weißen" Welt
zu einer differenzierteren Objektbewertung
bei Borderline-Patienten unterbrochen,
so dass die früheren extrem bewerteten Objekte
in ihrer Auslegung präsent bleiben
und im erwachsenen Leben neu inszeniert werden.
Borderline-Patienten können das Gute
mit dem Schlechten
nicht in Verbindung bringen,
weil sie befürchten,
dass ihre eigenen "inneren guten Objekte"
zerstört werden könnten.
Während Kernberg annimmt,
dass Wut und Hass die zentralen Affekte
bei Borderline-Patienten sind, geht Dulz davon aus,
dass dies Angst sei: Eine frei flottierende,
diffuse Angst sei der Ausgangspunkt
für die übrigen Symptome
wie die Art der Borderline-typischen
Beziehungsgestaltung.

Resultierend aus der Objektbeziehungsstörung entsteht
eine Widersprüchlichkeit des Selbstbildes
bis hin zur Identitätsdiffusion,
vor allem auch das Vorherrschen
von Abwehrmechanismen wie der Persönlichkeitsspaltung,
der Projektion und der Verleugnung.
Ebenfalls entwickelten Gunderson und Singer 1975
Kriterien der BPS,
welche mit denen Kernbergs erstmals 1980
in das Diagnostische und Statistische Manual
psychischer Störungen (DSM-III)
als Definition der Borderline-Persönlichkeitsstörung
eingingen.
Teil der Internationalen Klassifikation
psychischer Störungen (ICD-10)
der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
wurde BPS erst 1991,
und zwar unter dem Begriff
"Emotional instabile Persönlichkeitsstörung,
Borderline-Typus".

Umstritten sind allerdings
sowohl der Begriff
als auch die diagnostischen Kriterien.
Besonders der Psychoanalyse wurde unterstellt,
mit dem Begriff Borderline die eigentlichen Ursachen
der Störung
zu verschleiern.
Da in den weitaus meisten Fällen
traumatische Vor- und Früherfahrungen vorliegen,
plädieren mehrere Autoren
(Herman, van der Kolk, Reddemann, Sachsse et al.)
besonders aus der Traumaforschung dafür,
die Borderline-Diagnose
durch die Diagnose
einer chronischen posttraumatischen
Belastungsstörung
zu ersetzen.
Der englische Analytiker John Steiner wiederum
beschreibt die Borderline-Position
als psychischen Rückzugsort,
der Zuflucht vor den den Patienten
bedrohenden Ängsten bietet.


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